Das Geheimnis des Schlegelbaums

(von Dora Asemwald)
Der Cro-Magnon-Mensch hat’s erfunden: Das Bemalen von Wänden, insbesondere mit Motiven aus der Jagd und dem Tierverzehr. An einer steinernen Wand am östlichen Ende des Heusteigviertels entdecke ich ein prächtiges Fundstück paläolithischer Wandmalerei. Es zeigt Schlegel, die an einem Baum baumeln. Der Froscherdrang meiner inneren Paläontologin führt mich in einen Raum jenseits der Mauer. Dort zieren weitaus elaboriertere, postneolithische Gemälde die Wände. Sie widmen sich ebenso dem Sujet der Nahrungsaufnahme. Jedoch ohne Tiere. Ich erforsche den Raum und entdecke einen Stamm, der sich durch wilde Hautbemalungen und bunte Haartracht auszeichnet. Schnell finde ich heraus, dass die Wandbemalung von der Häuptlingin Kathi persönlich erstellt wurden. Im Gegensatz zu den Malern des Schlegelbaums handelt es sich bei ihr eindeutig um ein Mitglied der Art Homo Sapiens. Schlegel gibt’s hier nur vom Tofutier, in den Topf kommen hier ausschließlich Pflanzen und Pilze. Dieses Rätsel wäre gelöst. Ich stärke mich noch und mache mich auf, weitere Spuren der Cro-Magnons des Heusteigviertels zu suchen. Vielleicht verraten sie mir ja das Geheimnis des Schlegelbaums.

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Dampfende Magie

Kevin Okolowski steht seit fast 20 Jahren hinter der Theke des Café Herbert’z und versorgt das Viertel mit Koffein. Wir haben ihn besucht. 

Kevin lacht. Und tratscht. Mit den Gästen, die sich um die Theke drängen und ihren Morgenkaffee trinken. Den macht Kevin nebenbei. „Lach in den Tag, dann lacht er zurück“, sagt der 33-Jährige, der hier hinter der Theke steht, seit er 14 ist. Sein Vater Herbert hatte das Café Anfang der Neunziger an der Ecke Immenhofer Straße und Mozartstraße eröffnet, als das Viertel noch einiges rauer war. Seit dem hat sich drinnen nicht viel geändert. Heute gibt es auch ein paar Sitzplätze, aber das Leben spielt sich an den Stehtischen ab. Hier treffen sich jeden Morgen die Stammgäste auf dem Weg zur Arbeit. Handwerker, Geschäftsführer, Kreative – beim Kaffee sind sie alle gleich. Wer neu ins Viertel kommt, lernt hier schnell Leute kennen. Oder kann sich in Ruhe hinter der Tageszeitung verstecken. „Jeder nimmt hier das mit, was er will“, sagt Kevin.

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Wäre Kevin ein Oktopuss, könnte er noch schneller Kaffee kochen.

Morgens um halb sechs ist Kevin noch allein im Laden, über dem er wohnt. Er schiebt die Brezeln und Brötchen in den Ofen. Wenn er um sieben das Herbert’z öffnet, kommen die Leute und drängen sich um das Zentrum des Cafés: ein bronzenes Ungetüm, einem Steampunk-R2D2 gleich. „Die Kaffeemaschine ist die Magie des Ladens“, sagt der Barista. Leider ist der fast schon antiken Elektra Belle Epoque die Magie ausgegangen – sie wird derzeit grundüberholt. An ihrer Stelle steht ein Fremdkörper: ein knallroter Kasten, der an einen verunglückten Lamborghini erinnert. Das Ersatzgerät macht ordentlich Dampf, von dem man sich wünscht, er verhülle den Blick darauf. Die Stammgäste sind irritiert. Sie fragen besorgt nach dem Wohlergehen ihrer geliebten Maschine.

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Kevin Okolowski wohnt über dem Café

Wenn Kevin nicht hinter seiner Theke steht, spielt er gerne Gitarre und singt. Manchmal auch für Gäste im Café. Seine Lieblingsorte im Viertel sind der Fangelsbachfriedhof und das Rondell am Mozartplätzle, wo er als Jugendlicher gerne mal mit seinen Kumpels ein zwei drei Bier getrunken hat.

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Übrigens: Gründer Herbert ist nur noch im Namen des Cafés zu finden. Das Geschäft führt heute Kevins Zwillingsbruder Kim. Am Wochenende arbeiten hier deren Halbschwester und ihre beiden Söhne.

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Und nochmal übrigens: Ab und zu gibt es abends Konzerte im Herbert’z. Wir haben unlängst darüber berichtet: Zum Artikel

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Seit letztem Jahr kann man sich im Herbert’z auch betrinken

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Produktdesign from hell: Die Ersatzkaffeemaschine.
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Viele Wohnungssuchen, wenige Angebote: Das schwarze Brett des Viertels.
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Kevin hat Spaß bei der Arbeit

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Café Herbert´z
Immenhoferstraße 13
70180 Stuttgart

mail@cafe-herbertz.de

+49 (0)711 88 84 566

Fotos: Martin Zentner

Mittagstisch für Todesmutige

Dass die Geschmäcker gentrifizierter 70180er exotisch sind, war mir ja schon lange klar. Aber dass Kugelfische auf dem Mittagstisch landen, ist mir neu. Fugu, wie man ihn in Japan nennt, ist nur was für Todesmutige. Bereitet man ihn nicht korrekt zu, ist er das letzte, was man isst. Ob der Koch des Herbert’z ein ausgebildeter Fugu-Koch sei, konnte ich nicht herausfinden. Er war schon nicht mehr da. Hoffentlich war er nicht auf dem Weg ins Krankenhaus. Vielleicht war es auch eine ungiftige Zuchtvariante des Fisches oder einfach nur eine vegane Ersatzvariante aus Saitan und Tofu. Ich bin gespannt, ob es jemand gegessen hat und davon auch noch berichten kann.


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Klinikum Stuttgart

 

Feiern ohne Tiere

Ich könnte mich nur noch von Pflanzen ernähren. Unter einer Bedingung: Roman wäre mein Privatkoch. Ist er aber nicht. Er kocht im Super Jami in der Bopserstraße. Er und seine Partnerin Kathi haben das „Vegan-Deli“ vor einem Jahr gegründet und das wurde letzten Samstag gefeiert.

Der Laden ist voll. Aber das ist er eigentlich jeden Mittag. Kein Wunder, weil nicht nur Veganer dort essen, sondern auch eingefleischte Allesfresser. Warum? Weil es schmeckt. Alles ist frisch, keine fertigen Fleischersatzprodukte, die versuchen mittels Lebensmittelchemie so zu schmecken, als wäre ein Weber-Grill explodiert. Das Chili sin Carne schmeckt besser als die meisten hackfleischigen Varianten, die ich kenne.

Sehr angenehm: Niemand versucht mich hier mit erhobenen Zeigefinger zum Fleischverzicht zu bekehren. Hier ist das Essen das schlagende Argument.

Singer Songwriter Stumfol
Unterhält die Gäste beim Pflanzenessen: Singer Songwriter Stumfol

Zur Feier gibt’s heute Livemusik. Ansonsten lädt hier gerne mal Punk zum Pogotanzen ein. Den spielt Singer und Songwriter Stumfol heute aber nicht.

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Schmeckt auch ohne Tiere: veganer Miniburger

Serviert wird ein kleiner Querschnitt der Karte, die neben Frühstück, Sandwiches, Wraps, Snacks und Salaten auch ein täglich wechselndes Gericht bietet, welches mich immer wieder auf’s Neue überrascht.

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Super-Jami-Gast Putte schaut in den „Mal mich Kasten“.
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Anja Haas schaut raus und zeichnet.
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Das kommt dabei raus, wenn ich ins Loch schaue.

Ein überdimensionales Vogelhäuschen mit Goldlametta neben dem Eingang weckt meine Neugier. Ich schaue durchs Loch und ehe ich mich versehen kann, kommt ein Porträt aus einem Schlitz des sogenannten „Mal mich Kasten“. Drinnen sitzt die Illustratorin Anja Haas und zeichnet liebevoll jene, die sich vor den Kasten setzen.

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Seit einem Jahr an der Ecke Heusteig- und Bopserstraße: Super Jami

Besonders schön im Super Jami: Die Illustration von Wirtin Kathi, die die Wand zieren. Diese kann man auch in ihren Kochbüchern wie „Kochen ohne Tiere“ bewundern.

Leider hat Super Jami abends nur bis 20 Uhr geöffnet, aber irgendwann müssen die Jamis auch mal Pause haben.

SUPER JAMI
Bopserstraße 10
70180 Stuttgart

Öffnungszeiten: Mo.–Fr. 11.00–20.00 Uhr

info@super-jami.de
0711/32099749

super-jami.de

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Kathi Bretsch