Johanna Hausners Haare blühen

Lilafarbene Orchideenblüten rahmen die Stirn der 29-Jährigen, gehen in violette Hortensienblätter über, umranken ihr linkes Ohr und schmiegen sich an ihren Kopf, als sei das ihr natürlicher Lebensraum. Johanna Hausner ist die Blumenfrau. Die gelernte Floristin lebt ihren Beruf. Seit wenigen Wochen führt  sie den neuen Blumenladen „Blattwerk“ in der Heusteigstraße.

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Davor war sie dreieinhalb Jahre lang Floristin bei Merz & Benzing in der Stuttgarter Innenstadt. Der Blütenschmuck in ihrem Haar wechselt täglich, seinen Farben ordnen sich Kleid, Make-up und sogar die Brille unter. „Ich war schon als Kind so“, sagt Johanna Hausner, die immer viele schöne Rückmeldungen für ihr florales Outfit bekommt. „Es sind auch schon Männer in den Laden gekommen, die wollten mich komplett, als Blumenarrangement, kaufen“, erzählt sie. Das gehe natürlich nicht. In dem Laden in der Heusteigstraße kann sie sich voll entfalten. Sie bindet nicht nur Blumen für ihre Kunden dort, sondern macht wöchentlich wechselnde Firmendekorationen, etwa für Bogner, Max Mara, Marc Cain oder Louis Vuitton. Da habe sie sich viele Freiräume erarbeitet, sagt sie. Eins zu eins nach einem vorgegebenen Bild zu arbeiten, ist nichts für die kreative Johanna.

Außerdem bindet sie Brautsträuße, macht die Blumendeko für Hochzeiten oder Abendveranstaltungen. Sie bietet Blütenkränzebinden in Kindergärten oder bei Geburtstagsfeiern an und sie sucht sich Partner: mit einer Bekannten hat sie Törtchen gebacken und verziert, da wippt ein Röschen auf der Buttercreme, dort schmiegt ich ein pinkfarbener Blütenkelch um einen Tortenboden.

Und auch im Laden, der nicht nur Blumen, sondern auch feine Accessoires anbietet, nimmt Johanna wechselweise ausgewählte Artikel anderer Händler ins Sortiment. Johannas Lieblingsjahreszeit ist der Herbst. Da schenkt die Natur ihre Lieblingsfarben aus: Magenta, Violett, tiefdunkle Beerenfarben. Dieselben Farben, in denen heute ihr Haar blüht.

Text: Eva Heer | Fotos: Martin Zentner

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Die Blumenfrau Johanna Hausner bei

Blattwerk Floristik
Christina Gomez de Claus e.K.
Heusteigstraße 84, 70180 Stuttgart

blattwerkfloristik.de


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Eröffnungsveranstaltung

Samstag, 23. Juli, ab 16 Uhr

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Fernsehbericht über Johanna Hausner:

http://www.ardmediathek.de/tv/gr%C3%BCnzeug/Leuchtende-Herbstgestecke/SWR-Fernsehen/Video?bcastId=249330&documentId=30772418

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Fetzen zum Schmachten


Die coolen Ladies hängen gerahmt an der Wand: Rita Hayworth, Marlene Dietrich, Greta Garbo. Sie erzählen aus einer Zeit des Glamour und der Eleganz. Als die Mode noch das Weibliche betonte, „das Kleid“ das wichtigste Kleidungsstück einer Frau war.

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Schmachtfetzen heißt Johanna Hellmichs Laden in der Stuttgarter Wilhelmstraße. Man denkt bei dem Wort sofort an ein wohliges Seufzen. Und tatsächlich, hier, an drei Meter Regalstangen in einem 17 Quadratmeter großen Raum, hängen sie alle: Das kleine enge Schwarze. Das aufreizende Rote. Das verspielt-brave, knielange Blaue mit dem Matrosenkragen. Das glamourös Geblümte mit dem weiten Rock. Die Marlene-Hose. Das zart Gehäkelte mit der Schleife. Weibliche Kurven betonen sie alle. „Ich finde es selbst schön, modisch mit meiner Weiblichkeit zu spielen“, sagt Johanna. „Und ich erlebe es an meinen Kundinnen: So ein Kleid macht etwas mit einer Frau“.

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Vintage oder Retro – es geht um die Mode der 30er bis 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Und zu ihr hat die 32-Jährige eine besondere Nähe: Als Raunchy Rita tanzt sie auf Burlesque-Events und veranstaltet sie unter dem Namen Raunchy Rita’s Raspberry Club auch selbst, das nächste am 23. April in der Rosenau. Zu den Shows kommen die Gäste immer aufwendig und außergewöhnlich gekleidet, auch mal mit Federboa und im Glitzerhemd. Und oft ging es um die Frage: wo bekomme ich schöne Vintage-Mode her. Das brachte die gebürtige Augsburgerin auf die Idee mit dem Laden.

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Zuvor hatte sie für das Stuttgarter Ballett die Pressearbeit gemacht. Zu jedem schönen Kleid gehören die passenden Accessoires. Pumps mit Schnallen, Dekor und halbhohen Absätzen. Broschen, Armreifen, Ketten aus den 50ern. Gürtel. Taschen oder „Fascinators“, verspielt-versponnene Hingucker zum In-die-Haare-stecken. „Man muss das alles nicht so ernst nehmen“, sagt Johanna Hellmich. Mit Ironie zu spielen hat für sie viel mit Selbstbewusstsein zu tun. Und genau das möchte sie ihren Kunden weitergeben. Ihre Ware bezieht sie von kleinen, meist deutschen Labels: „Sodass meine Kundinnen bei mir fast Unikate bekommen“. Und dabei geht es nicht nur um das Kleid für einen festlichen Anlass. „Frauen wollen sich feminin kleiden, mindestens ein geschmackvolles Kleid im Schrank haben“. Johanna Hellmich wohnt auch im Viertel. „Die Heusteig-Viertel-Leute sind stolz auf ihren Kiez“, sagt sie. Hier hält man zusammen. Und hier hat es ihr sofort gefallen. „Ich habe gleich gewusst: ‚Hier hätte ich gerne meinen Laden‘“.

Text: Eva Heer • Foto: Martin Zentner

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Schmachten im Netz:

Schmachtfetzen

Raspberry Club

Auf Facebook:

Johanna Hellmich als Raunchy Rita

Raspberry Club

Schmachtfetzen

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Schmachtfetzen

Mittwoch – Freitag:   12 – 19 Uhr
Samstag:   11 – 16 Uhr

Wilhelmstr. 8b
(Eingang Heusteigstraße)
70182* Stuttgart
0711 – 94581064

* Der Laden ist in der Heusteigstraße gelegen, wird aber zur Wilhelmsstraße gezählt. Somit ist er gefühlte 70180 und wir sollten uns dafür einsetzen, dass er eine angemessene Adresse bekommt!


Und das passiert im Raspberry Club:

We love Burlesque! … in Raunchy Rita’s Raspberry Club from Raunchy Rita on Vimeo.

 

Neues Leben für altes Holz

In einer schummrigen Hinterhofwerksatt werkeln Jeanette und Stefan. Um sie herum: Flohmarktfundstücke und viel Holz. Gemeinsam haben sie den Raum in der Heusteigstraße seit August letzten Jahres gemietet, um ihren Leidenschaften nachzugehen. Und um die Ergebnisse zu verkaufen.

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Jeanette Brauer liebt Flohmärkte. Ihre Fundstücke bereitet sie auf und verpasst ihnen einen neuen Anstrich. „Der Mischmasch machts von neu und alt“, erzählt Jeanette. Der Name ihrer Manufaktur „Vinly“ ist eine Mischung aus Vintage und lovely. Für ihre Leidenschaft hat sie ihren Job als Projektmanagerin bei einer Werbeagentur auf Teilzeit reduziert.

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Stefan Küpers liebt Holz. Und davon steht hier eine Menge rum – in Form von dicken Brettern, direkt aus dem Baum geschnitten, sodass man die Form des Baumes noch erkennen kann. Daraus fertigt er Tische, denen man den Wald noch ansehen kann, aus dem sie kommen. Sie verkauft er unter dem Namen Teburu. Das ist Japanisch und heißt: Tisch.

Wenn er nicht Tische baut, verkauft er auch Holz: Er betreibt einen Onlinehandel für Zedernholz-Schuheinlagen, die gut fürs Klima sind. Das Klima im Schuh.

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Das die beiden Stuttgart-Westler zu uns ins Viertel gefunden haben, ist Zufall. Ein guter Zufall. „Hier fühlt man sich echt zuhause“, sagt Jeanette, „Die Leute hier sind interessiert und neugierig“.

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Diesen Samstag veranstaltet Vinly eine Frühlingsausstellung in der Werkstatt. Schaut von 10 bis 18 Uhr vorbei und lernt die beiden kennen!

Samstag, 9. April, Heusteigstraße 108

Frühlingsausstellung

Frühlingsausstellung auf Facebook

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Mehr über Vinly: Artikel in der Stuttgarter Zeitung

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Walnuss- und Kirschbäume in geschnittener Form.
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Inspiriert von der Werkstattkollegin: Tisch mit Beinen einer alten Nähmaschine

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Vinly, Jeanette Brauer, info@vinly.de

Teburu, Stefan Küpers, hallo@teburu.de

Heusteigstraße 108, 70180 Stuttgart

Die Werkstatt kann man Freitags und nach Vereinbarung an anderen Tagen besuchen.


 

Dampfende Magie

Kevin Okolowski steht seit fast 20 Jahren hinter der Theke des Café Herbert’z und versorgt das Viertel mit Koffein. Wir haben ihn besucht. 

Kevin lacht. Und tratscht. Mit den Gästen, die sich um die Theke drängen und ihren Morgenkaffee trinken. Den macht Kevin nebenbei. „Lach in den Tag, dann lacht er zurück“, sagt der 33-Jährige, der hier hinter der Theke steht, seit er 14 ist. Sein Vater Herbert hatte das Café Anfang der Neunziger an der Ecke Immenhofer Straße und Mozartstraße eröffnet, als das Viertel noch einiges rauer war. Seit dem hat sich drinnen nicht viel geändert. Heute gibt es auch ein paar Sitzplätze, aber das Leben spielt sich an den Stehtischen ab. Hier treffen sich jeden Morgen die Stammgäste auf dem Weg zur Arbeit. Handwerker, Geschäftsführer, Kreative – beim Kaffee sind sie alle gleich. Wer neu ins Viertel kommt, lernt hier schnell Leute kennen. Oder kann sich in Ruhe hinter der Tageszeitung verstecken. „Jeder nimmt hier das mit, was er will“, sagt Kevin.

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Wäre Kevin ein Oktopuss, könnte er noch schneller Kaffee kochen.

Morgens um halb sechs ist Kevin noch allein im Laden, über dem er wohnt. Er schiebt die Brezeln und Brötchen in den Ofen. Wenn er um sieben das Herbert’z öffnet, kommen die Leute und drängen sich um das Zentrum des Cafés: ein bronzenes Ungetüm, einem Steampunk-R2D2 gleich. „Die Kaffeemaschine ist die Magie des Ladens“, sagt der Barista. Leider ist der fast schon antiken Elektra Belle Epoque die Magie ausgegangen – sie wird derzeit grundüberholt. An ihrer Stelle steht ein Fremdkörper: ein knallroter Kasten, der an einen verunglückten Lamborghini erinnert. Das Ersatzgerät macht ordentlich Dampf, von dem man sich wünscht, er verhülle den Blick darauf. Die Stammgäste sind irritiert. Sie fragen besorgt nach dem Wohlergehen ihrer geliebten Maschine.

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Kevin Okolowski wohnt über dem Café

Wenn Kevin nicht hinter seiner Theke steht, spielt er gerne Gitarre und singt. Manchmal auch für Gäste im Café. Seine Lieblingsorte im Viertel sind der Fangelsbachfriedhof und das Rondell am Mozartplätzle, wo er als Jugendlicher gerne mal mit seinen Kumpels ein zwei drei Bier getrunken hat.

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Übrigens: Gründer Herbert ist nur noch im Namen des Cafés zu finden. Das Geschäft führt heute Kevins Zwillingsbruder Kim. Am Wochenende arbeiten hier deren Halbschwester und ihre beiden Söhne.

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Und nochmal übrigens: Ab und zu gibt es abends Konzerte im Herbert’z. Wir haben unlängst darüber berichtet: Zum Artikel

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Seit letztem Jahr kann man sich im Herbert’z auch betrinken

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Produktdesign from hell: Die Ersatzkaffeemaschine.
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Viele Wohnungssuchen, wenige Angebote: Das schwarze Brett des Viertels.
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Kevin hat Spaß bei der Arbeit

Herbert’z auf Facebook

Café Herbert´z
Immenhoferstraße 13
70180 Stuttgart

mail@cafe-herbertz.de

+49 (0)711 88 84 566

Fotos: Martin Zentner

Marleys Revier

Micha kennt seine Kundschaft. „Ich verbinde jedes Gesicht mit einer Zigarettenmarke“, sagt er. Manchmal errät er schon die Zigarettenmarke, wenn ein Kunde das erste Mal den Laden betritt. Nicht jeder, der in Michas Lädle kommt, raucht. Viele holen sich morgens ihre Zeitung, Kinder kaufen ihre Schulsachen. Aber das Herzstück des Ladens ist das Zigarettenregal. Micha hat es so von seinem Vorgänger Fred übernommen, der den Laden 31 Jahre lang geführt hat. „Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, nichts zu verändern“, sagt Micha. Auch wenn ihm die Zigarettenhersteller schon todschicke Designregale andrehen wollten. So treu wie er der Ladeneinrichtung geblieben ist, sind Freds Kunden dem Laden geblieben.

Marley
Hat das Viertel im Blick: Labrador Marley

Vor sechs Jahren haben Micha und Marley, der damals erst ein dreiviertel Jahr alt war, den Laden übernommen. „Eigentlich ist es Marleys Laden. Ich mache den Verkauf“, sagt Micha. Marley ist sein schwarzer Labrador. Und der weiß ganz genau, wann die Schulkinder kommen, die mit ihm spielen möchten. Und wie die Sonne entlang der Heusteigstraße wandert, damit er sich in ihre Strahlen aufs Trottoir legen kann.

Marley liebt die Sonne. (Foto: Micha Schmidt)
Marley liebt die Sonne. (Foto: Micha Schmidt)

Michas Lädle ist mehr als ein Kiosk, die Bank vor seiner Ladentür ein Treffpunkt im Viertel. Hier trinkt man auch mal ein Feierabendbier, redet, lernt sich kennen. 

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Das Herzstück des Ladens: das Zigarettenregal

In Michas Regalen liegen neben dem üblichen Zeitschriften-Sortiment auch Titel, die man sonst nirgendwo findet. Manche von ihnen vertreibt ausschließlich er. Kein Wunder, unter seinen Kunden gibt es einige, die selbst Zeitschriften machen und ihm vorbei bringen. Die unzähligen Designer, die im Viertel ihr Büro haben, versorgen sich dort mit Lesestoff.

Exotische Ware: Einige der Titel im Lädle stammen aus dem Viertel oder aus der ganzen Welt.
Exotische Ware: Einige der Titel im Lädle stammen aus dem Viertel, andere aus der ganzen Welt.

Micha hat noch einen zweiten Laden, in Gaisburg, zusammen mit seiner Frau, ist aber in Fellbach zuhause. Im Heusteig-Viertel ist der 38-Jährige eine Institution, wohnen möchte er hier aber nicht. Er genießt es, am Wochenende nicht jeden zu kennen, den er auf der Straße trifft.

Mehr als ein Kiosk: Für viele Kunden ist Michas Lädle ein Treffpunkt.
Mehr als ein Kiosk: Für viele Kunden ist Michas Lädle ein Treffpunkt.
Revier
Die Ecken ums Lädle sind Marley Revier.

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Marley wartet auf Kundschaft.
Marley wartet auf Kundschaft.
Kinderperspektive
Michas Lädle aus der Kinderperspektive

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Michas Lädle
Michael Schmidt
Weißenburgstraße 8
70180 Stuttgart
0711/ 608697

Michas Lädle auf Facebook (Leider nicht sehr aktiv)

Fotos (wenn nicht anders angegeben): Martin Zentner
Text: Eva Heer